Östrogen und Psyche: wie das Hormon auf die Stimmung wirkt
29. September 2026ca. 15 Minutenvon mybody®x Redaktions- & Fachteam
Das Wichtigste in Kürze
Östrogen ist kein Stimmungsschalter. Im Gehirn steht es in Wechselwirkung mit Botenstoffen, über die Nervenzellen Signale weitergeben (Barth u. a., 2015). Für die Stimmung zählt nach den Studien eher das Auf und Ab der Hormone als ihre Höhe: Bei Beschwerden vor der Periode gilt die Reaktion auf normale Schwankungen als auffällig, nicht der Wert (Schmidt u. a., 1998).
In den Jahren vor der letzten Regelblutung traten hohe Werte auf einer Depressionsskala mehr als viermal so wahrscheinlich auf wie davor (Freeman u. a., 2006).
Ein einzelner Messwert zeigt einen Zeitpunkt, keine Schwankung – das ist unsere Schlussfolgerung aus diesen Studien, kein eigener Befund.
Halten gedrückte Stimmung und Freudlosigkeit zwei Wochen oder länger an, ist die Hausarztpraxis die erste Anlaufstelle (IQWiG, 2023).
In diesem Artikel
Wie wirkt Östrogen im Gehirn auf die Psyche?
Östrogen steht im Gehirn in Wechselwirkung mit Botenstoffen, und Hirnregionen wie die Amygdala, ein Kerngebiet für die Verarbeitung von Gefühlen, tragen dichte Andockstellen für das Hormon, sogenannte Rezeptoren (Barth u. a., 2015). Dass mehr Östrogen die Laune hebt, steht in dieser Forschung nicht.
Östrogen ist das weibliche Geschlechtshormon, dessen Spiegel in den Wechseljahren sinkt (IQWiG, 2023). Auf Laborbefunden erscheint es als Östradiol, auch Estradiol oder kurz E2 geschrieben. Um diese Form geht es in den Studien dieses Artikels.
Einen Überblick gibt eine Arbeit von Barth u. a. (2015). Sie fasst Tierversuche und Studien am Menschen zusammen, die Wechselwirkungen zwischen Sexualhormonen und den wichtigsten Botenstoffen des Gehirns beschreiben. Botenstoffe, Fachwort Neurotransmitter, sind Stoffe, mit denen Nervenzellen einander Signale übermitteln. Die Übersicht nennt Serotonin und Dopamin, dazu GABA und Glutamat.
Naheliegend wäre der Schluss, Östrogen erhöhe Serotonin und hebe so die Stimmung. Diese Richtung beschreibt die Übersicht nicht. Sie spricht von Wechselwirkungen, und darin steckt kein Mehr oder Weniger. Weil ein Teil der Befunde aus Tierversuchen stammt, lässt sich außerdem nicht jede Beobachtung direkt auf den Menschen übertragen.
Der zweite Befund der Übersicht betrifft den Ort. Neben der Amygdala nennen Barth u. a. (2015) den Hypothalamus, eine Steuerzentrale im Zwischenhirn, die unter anderem die Hormonausschüttung lenkt. Auch der Hippocampus gehört dazu, eine Region, die für das Gedächtnis wichtig ist. In diesen Regionen finden sich dichte Rezeptoren für Östrogen und für Progesteron, das zweite große weibliche Geschlechtshormon.
Man kann sich Rezeptoren wie Briefkästen vorstellen. Wo sie dicht hängen, kommt Post an. Ob die Post gute oder schlechte Nachrichten bringt, verrät der Briefkasten nicht, und genauso zeigen die Rezeptoren, wo Östrogen im Gehirn ansetzen kann, aber nicht, in welche Richtung.
Barth u. a. (2015) schlagen zudem vor, natürliche hormonelle Übergangsphasen als Modell zu nutzen. An ihnen lässt sich untersuchen, wie Veränderungen der Sexualhormone die Signalübertragung und die Vernetzung im Gehirn beeinflussen. Um zwei solche Phasen geht es in diesem Artikel: um die Tage vor der Periode und um den Übergang in die Menopause, die letzte Regelblutung.
Auch das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) nennt unter den möglichen Ursachen einer Depression biochemische Veränderungen: Der Stoffwechsel und hormonelle Veränderungen „können eine Rolle spielen“ (IQWiG, 2023). Eine Depression ist eine Erkrankung, bei der Beschwerden wie gedrückte Stimmung und Freudlosigkeit zwei Wochen oder länger anhalten (IQWiG, 2023).
Die Symptomliste eines Östrogenmangels steht im Beitrag über Östrogenmangel und seine Symptome; hier geht es um die Wirkung auf die Stimmung. Was Östrogen im Körper insgesamt tut, erklärt der Überblick über Östrogen.
Zahlen auf einen Blick
mehr als 4-mal
so wahrscheinlich waren hohe Werte auf einer Depressionsskala im Übergang in die Menopause wie davor (Freeman u. a., 2006).
52 Frauen
zwischen 45 und 60 Jahren, deren Östradiol über 14 Monate gemessen wurde (Gordon u. a., 2016).
im Schnitt 51
Jahre alt sind Frauen bei ihrer Menopause, der letzten Regelblutung (IQWiG, 2023).
16–20 von 100
Menschen erkranken schätzungsweise irgendwann im Leben an einer Depression oder einer chronisch depressiven Verstimmung (IQWiG, 2023).
Quelle: Freeman u. a., 2006 · Gordon u. a., 2016 · IQWiG, 2023
Warum zählt beim Östrogen die Schwankung mehr als der Wert?
Weil die Studien den Zusammenhang mit der Stimmung eher im Wechsel der Hormone finden als in ihrer Höhe. Im Übergang in die Menopause hingen Schwankungen um den eigenen Mittelwert mit depressiven Symptomen zusammen (Freeman u. a., 2006).
Der naheliegende Gedanke lautet: Dann messe ich eben mein Östrogen, und die Zahl sagt mir, ob die Hormone dahinterstecken. Der Gedanke ist verständlich. Die Forschung zeichnet trotzdem ein anderes Bild, und es beginnt bei den Tagen vor der Periode.
Kernaussage
Für die Stimmung zählt in diesen Studien das Auf und Ab der Hormone und die Empfindlichkeit dafür, nicht allein ihre Höhe.
Das prämenstruelle Syndrom, kurz PMS, umfasst körperliche und seelische Beschwerden in den Tagen vor der Periode. Eine kleine Studie begann mit 20 Frauen mit PMS, deren Eierstöcke normal arbeiteten (Schmidt u. a., 1998). Zehn von ihnen erhielten im Verlauf Hormone (Schmidt u. a., 1998). Dieselbe Hormongabe bekamen 15 Frauen ohne PMS, und bei ihnen änderte sich die Stimmung nicht (Schmidt u. a., 1998).
Der Befund dreht die Frage um. Nicht die Hormone der Frauen mit PMS waren auffällig, sondern ihre Reaktion auf den normalen Wechsel. Die Autoren fassen das in einem Satz zusammen.
Belegte Fundstelle
„Bei Frauen mit PMS sind die Beschwerden eine ungewöhnliche Reaktion auf normale Hormonschwankungen.“
Schmidt u. a., New England Journal of Medicine
Differential behavioral effects of gonadal steroids in women with and in those without premenstrual syndrome, 1998 · aus dem Englischen übertragen
Wie sich PMS im Zyklus zeigt, und ebenso PMDS, die prämenstruelle dysphorische Störung, erklärt der Beitrag über Menstruation und Zyklus.
Für den Übergang in die Menopause gibt es eine Langzeitbeobachtung. Die Penn Ovarian Aging Study in den USA begleitete Frauen ohne frühere Depression über acht Jahre (Freeman u. a., 2006). Im Übergang traten hohe Werte auf einer Depressionsskala, einem Fragebogen zu depressiven Symptomen, mehr als viermal so wahrscheinlich auf wie in der Zeit davor (Freeman u. a., 2006).
Aufschlussreicher ist ein Detail. Stärkere Schwankungen des Östradiols und der Steuerhormone FSH und LH um den eigenen Mittelwert der Frau hingen jeweils mit depressiven Symptomen zusammen (Freeman u. a., 2006). FSH (follikelstimulierendes Hormon) und LH (Lutropin) sind Steuerhormone aus der Hirnanhangdrüse, die die Eierstöcke ansteuern. Verglichen wurde also nicht mit anderen Frauen, sondern mit dem eigenen Durchschnitt.
Das ist ein Zusammenhang, kein Beweis für eine Ursache. Er passt trotzdem zu dem, was die PMS-Studie nahelegt: Im Mittelpunkt steht der Wechsel, nicht der einzelne Stand.
Gordon u. a. haben die Frage enger gestellt. Sie begleiteten 52 Frauen zwischen 45 und 60 Jahren und maßen über 14 Monate ihr Östradiol (Gordon u. a., 2016). Stärkere Schwankungen sagten am Ende mehr depressive Symptome voraus, allerdings nur bei Frauen, die zu Beginn eine höhere Zahl sehr belastender Lebensereignisse angegeben hatten (Gordon u. a., 2016).
Die Autoren schließen daraus, dass schwankendes Östradiol die Empfindlichkeit für seelische Belastung erhöhen kann, besonders für Zurückweisung. Wer daraus liest, Östrogenschwankungen machten depressiv, verkürzt die Studie. Sie deutet auf ein Zusammenspiel hin, in dem Hormonwechsel und Lebenslage zusammen betrachtet gehören.
Nebeneinander gelesen zeigen die Studien dasselbe Muster aus unterschiedlichen Richtungen.
Studien zur Hormonschwankung und Stimmung
| Lebensphase | Was die Studie fand | Quelle, Jahr |
|---|---|---|
| Zyklus mit PMS | Dieselbe Hormongabe ließ die Stimmung von Frauen ohne PMS unverändert; bei PMS gelten die Beschwerden als ungewöhnliche Reaktion auf normale Schwankungen. | Schmidt u. a., 1998 |
| Übergang in die Menopause | Hohe Werte auf einer Depressionsskala mehr als viermal so wahrscheinlich wie davor; stärkere Schwankung um den eigenen Mittelwert hing mit depressiven Symptomen zusammen. | Freeman u. a., 2006 |
| Übergang mit belastenden Lebensereignissen | Stärkere Östradiol-Schwankung sagte mehr depressive Symptome voraus, nur bei Frauen, die zu Beginn sehr belastende Lebensereignisse angegeben hatten. | Gordon u. a., 2016 |
Wie verändern die Wechseljahre Östrogen und Stimmung?
In den Wechseljahren sinkt der Östrogenspiegel, und die hormonelle Umstellung kann auch zu Stimmungsschwankungen oder depressiven Verstimmungen führen (IQWiG, 2023). Die Menopause haben Frauen im Durchschnitt mit 51 Jahren, die eine deutlich früher, die andere später (IQWiG, 2023).

Die Jahre davor heißen Perimenopause, der Übergang in die Menopause. Für diese Zeit beschreiben Freeman u. a. ein sich änderndes Hormonumfeld, das eng mit erstmals auftretender gedrückter Stimmung zusammenhing (Freeman u. a., 2006). Auch die Diagnose einer depressiven Störung war im Übergang zweieinhalbmal so wahrscheinlich wie davor (Freeman u. a., 2006).
So kann sich das anfühlen: Hitzewallungen und Schweißausbrüche können den Nachtschlaf stören (IQWiG, 2023). Dann folgen Tage mit kurzer Geduld. Irgendwann steht die Frage im Raum, ob das noch die Hormone sind oder schon etwas anderes, und ob ein Test das klären kann.
Beides ist möglich, und beides kann zusammenkommen. Gordon u. a. fanden den Zusammenhang zwischen Östradiol-Schwankung und depressiven Symptomen nur bei Frauen mit belastenden Lebensereignissen (Gordon u. a., 2016). Die Lebenslage gehört deshalb mit in die Betrachtung, neben dem Hormonstatus.
Wichtig ist auch, für wen die Zahlen aus der Langzeitbeobachtung gelten: für Frauen, die vorher nie eine Depression hatten (Freeman u. a., 2006). Stimmungsschwankungen in dieser Lebensphase sind eine mögliche Folge der Umstellung. Über Stärke oder Schwäche der Frau, die sie erlebt, sagen sie nichts.
Welche weiteren Beschwerden zu dieser Lebensphase gehören können, zeigt der Beitrag über Symptome der Wechseljahre.
Was sagt ein einzelner Östrogenwert über die Psyche?
Über die Stimmung sagt er für sich genommen wenig, denn ein einzelner Messwert zeigt einen Zeitpunkt, keine Schwankung. Das ist unsere Schlussfolgerung aus den Studien oben, kein eigener Studienbefund.
Der Grund liegt im Aufbau der Studien. Freeman u. a. betrachteten Schwankungen um den eigenen Mittelwert, und einen solchen Mittelwert ergibt erst eine Reihe von Messungen. Gordon u. a. werteten ebenfalls eine Messreihe aus, gemessen über 14 Monate (Gordon u. a., 2016). Ein Wert von einem einzigen Tag kann diese Art von Schwankung nicht abbilden.
Freeman u. a. fanden außerdem einen Zusammenhang mit höheren FSH- und LH-Werten (Freeman u. a., 2006). Das ist ein Befund über eine Gruppe von Frauen, beobachtet über Jahre. Eine Schwelle, ab der sich die Stimmung einer einzelnen Frau aus ihrem Befund ablesen ließe, folgt daraus nicht; auch das ist unsere Einordnung.
Hinzu kommt der Zyklus. Estradiol und Progesteron schwanken über den Zyklus stark, ebenso FSH und LH. Ohne den Zyklustag, also den wievielten Tag seit Beginn der letzten Periode, lässt sich ein Befund deshalb kaum einordnen. Welcher Tag für welchen Wert passt, erklärt der Beitrag über Hormonwerte und den richtigen Zyklustag.
Was ein Einzelwert trotzdem leisten kann: Er zeigt, wo die Hormone an diesem Tag stehen. Zusammen mit dem Zyklustag und notierten Stimmungstagen wird daraus ein Ausgangspunkt für das Gespräch in der Praxis. Eine Antwort auf die Frage, warum die Stimmung kippt, ist er nicht.
Kapitel auf einen Blick
Ein einzelner Östrogenwert zeigt einen Zeitpunkt, keine Schwankung. Das folgern wir aus Studien, die Verläufe ausgewertet haben. Ohne Zyklustag lässt sich ein solcher Wert kaum einordnen, und für die Stimmung braucht es zusätzlich ihren Verlauf.
Psyche und Hormone: wann ist ärztliche Hilfe nötig?
Halten Beschwerden wie gedrückte Stimmung zwei Wochen oder länger an, ist die Hausarztpraxis die erste Anlaufstelle (IQWiG, 2023). Bei Gedanken an Suizid ist es ein Notfall.
Das IQWiG beschreibt die Hauptsymptome einer Depression so: Im Vordergrund steht eine gedrückte, depressive Stimmung. Dazu zählen Freudlosigkeit und wenig Interesse an Dingen, die einem vorher wichtig waren, außerdem Antriebsmangel mit schneller Ermüdung (IQWiG, 2023). Als Nebensymptome nennt dieselbe Seite etwa Schlafstörungen und innere Unruhe (IQWiG, 2023).
Die Beschreibung ist keine Checkliste zur Selbstdiagnose. Sie hilft dir, Beobachtungen in Worte zu fassen, bevor du in die Praxis gehst. Die Einordnung übernimmt die Ärztin oder der Arzt.
Zur Abklärung gehört auch der Körper. Ärztinnen und Ärzte versuchen, andere Erkrankungen auszuschließen, die ähnliche Beschwerden verursachen, und dafür können körperliche Untersuchungen nötig sein (IQWiG, 2023). Als körperliche Ursache einer Depression kommt laut IQWiG (2023) unter anderem eine Schilddrüsenunterfunktion in Frage. Hormone der Eierstöcke sind damit ein möglicher Faktor unter anderen.
In Notfällen, etwa bei akuter Suizidgefahr, stehen psychiatrisch-psychotherapeutische Praxen mit Notfalldienst und die Notfallambulanzen der psychiatrisch-psychotherapeutischen Krankenhäuser bereit (IQWiG, 2023). Im akuten Notfall erreichst du Hilfe auch über den Notruf 112.
Östrogen und Psyche: was du selbst tun kannst
Du kannst deine Stimmung täglich zusammen mit dem Zyklustag notieren und die Notizen in die Praxis mitnehmen. Ein Hormonbefund kann dort ein zusätzlicher Datenpunkt sein.
Der Gedanke folgt aus den Studien: Wenn der Verlauf mehr zählt als der Einzelwert, braucht es einen Verlauf. Den hältst du selbst fest, Tag für Tag, ohne Termin und ohne Wartezeit.
Was in die Notizen gehört
Zyklustag gezählt ab dem ersten Blutungstag, solange du noch einen Zyklus hast.
Stimmung ein Stichwort am Abend genügt, etwa „gereizt“ oder „ausgeglichen“.
Schlaf ob die Nacht ruhig war, denn Hitzewallungen können den Nachtschlaf stören (IQWiG, 2023).
Belastungen besondere Ereignisse der Woche, denn der Zusammenhang mit Östradiol-Schwankungen zeigte sich nur zusammen mit belastenden Lebensereignissen (Gordon u. a., 2016).
Wer zusätzlich wissen will, wo die eigenen Hormone gerade stehen, kann das mit einem Bluttest festhalten. Bei mybody®x (MYBODY Lab GmbH) ist das der Menopause Check. Was er leistet, sagen wir selbst so: „Der Wechseljahre Hormon-Test beantwortet nicht, wie es dir geht. Er beantwortet, wo dein Körper gerade steht.“
Gemessen werden unter anderem Estradiol und Progesteron sowie die Steuerhormone FSH und LH. Dazu kommt TSH, das Thyreoidea-stimulierende Hormon, mit dem die Hirnanhangdrüse die Schilddrüse steuert. Weil eine Schilddrüsenunterfunktion als körperliche Ursache einer Depression in Frage kommen kann (IQWiG, 2023), ist das ein Wert, den du mit der Praxis besprechen kannst. Solange du noch einen Zyklus hast, notierst du zur Probe den Zyklustag.
Aus dem mybody®x-Sortiment · Bluttest
Menopause Check | Wechseljahre Hormon-Test
Die Blutprobe entnimmst du zu Hause selbst, ausgewertet wird in einem Fachlabor in Deutschland. Der Befund zeigt, wo deine Hormone an diesem Tag stehen. Wie es dir geht und ob eine Depression vorliegt, beantwortet der Test nicht; den Zyklustag notierst du zur Probe dazu.
Laborauswertung 3–5 Werktage nach Probeneingang
Einen auffälligen Wert besprichst du mit deinen Notizen in der Praxis. Er ist ein Anlass für dieses Gespräch, keine Diagnose.
Grenzen: was die Studien zu Östrogen und Psyche nicht zeigen
Sie zeigen Zusammenhänge und Hinweise, keine Ursachen, und sie stammen aus kleinen oder eng umrissenen Gruppen.
Die Übersicht von Barth u. a. stützt sich zum Teil auf Tierversuche und beschreibt Wechselwirkungen ohne Richtung (Barth u. a., 2015). Die PMS-Studie von Schmidt u. a. ist klein. Auch die Studie von Gordon u. a. umfasst nur 52 Frauen, und der Zusammenhang zeigte sich dort allein zusammen mit belastenden Lebensereignissen (Gordon u. a., 2016).
Die Langzeitbeobachtung aus den USA erfasste Frauen, die vorher nie eine Depression hatten (Freeman u. a., 2006). Der Zusammenhang zwischen Übergang und gedrückter Stimmung ist dort eng, eine Ursache belegt er nicht. Dass ein einzelner Wert die Schwankung nicht abbildet, ist unsere Schlussfolgerung aus diesen Studien.
Auch der Bluttest hat Grenzen. Er misst Hormonwerte an einem Tag. Die Stimmung misst er nicht, und eine Diagnose stellt er nicht. Ob hinter einem Stimmungstief eine Depression oder eine körperliche Ursache steckt, klärt die Praxis.
Östrogen und Psyche: der Verlauf sagt mehr als der Moment
Für die Stimmung zählt nach den Studien der Verlauf der Hormone; dass ein einzelner Wert ihn nicht zeigt, ist unsere Schlussfolgerung daraus. Am Anfang stand der Gedanke, einfach das Östrogen zu messen. Die bessere Frage lautet: Wie verändert sich meine Stimmung, wenn sich meine Hormone bewegen?
Für das Gespräch in der Praxis hilft eine Frage, die du vorher selbst beantworten kannst: Fällt das Tief Monat für Monat auf die Tage vor der Periode, oder hält es unabhängig vom Zyklus an? Das erste erinnert an das Muster aus der PMS-Forschung. Hält ein Tief zwei Wochen oder länger an, ist die Hausarztpraxis die erste Anlaufstelle (IQWiG, 2023).
Der Wert zeigt, wo dein Körper steht. Wie es dir geht, zeigt dein Verlauf.
Häufige Fragen
Kann ein sinkender Östrogenspiegel depressiv machen?
Das IQWiG hält fest, dass die hormonelle Umstellung in den Wechseljahren zu Stimmungsschwankungen oder depressiven Verstimmungen führen kann (IQWiG, 2023). In einer Langzeitbeobachtung traten hohe Werte auf einer Depressionsskala im Übergang in die Menopause mehr als viermal so wahrscheinlich auf wie davor (Freeman u. a., 2006). Das ist ein Zusammenhang, keine Ursache, und er betraf Frauen ohne frühere Depression.
Warum ist die Stimmung vor der Periode schlechter?
Bei PMS liegt es nach einer kleinen Studie nicht an auffälligen Hormonwerten, sondern an einer ungewöhnlichen Reaktion auf normale Hormonschwankungen (Schmidt u. a., 1998). Dieselbe Hormongabe änderte in dieser Studie die Stimmung von 15 Frauen ohne PMS nicht (Schmidt u. a., 1998). Wiederholen sich die Tiefs Monat für Monat, sind Notizen mit Zyklustag ein guter Einstieg ins Gespräch in der Hausarztpraxis.
Kann die Schilddrüse die Stimmung beeinflussen?
Eine Schilddrüsenunterfunktion zählt laut IQWiG (2023) zu den körperlichen Erkrankungen, die als Ursache einer Depression in Frage kommen. Deshalb können zur Abklärung einer anhaltend gedrückten Stimmung auch körperliche Untersuchungen nötig sein (IQWiG, 2023). Ein Anhaltspunkt ist TSH, das Steuerhormon der Schilddrüse. Ob der Wert bei dir eine Rolle spielt, klärt die Ärztin oder der Arzt.
Wann beginnen die Wechseljahre?
Einen festen Termin gibt es nicht. Die Menopause, also die letzte Regelblutung, haben Frauen im Durchschnitt mit 51 Jahren, die eine deutlich früher, die andere später (IQWiG, 2023). Zu den Wechseljahren gehören auch die Jahre davor, die Perimenopause, in der sich das Hormonumfeld ändert (Freeman u. a., 2006). Stimmungsschwankungen können in diese Zeit fallen, sie müssen es aber nicht.
Was zeigt ein Hormontest bei Stimmungstiefs?
Ein Hormontest zeigt, wo deine Hormone an einem Tag stehen, nicht, wie es dir geht. Als Ergänzung zu Stimmungsnotizen kann er ein Datenpunkt für das Arztgespräch sein, vor allem mit notiertem Zyklustag. Eine Depression erkennt er nicht. Halten gedrückte Stimmung oder Freudlosigkeit zwei Wochen oder länger an, ist die Hausarztpraxis die erste Anlaufstelle, nicht der Test (IQWiG, 2023).
Nächster Schritt
Hormonwerte mit Zyklustag einordnen
Der Menopause Check zeigt, wo deine Hormone gerade stehen. Zusammen mit deinen Stimmungsnotizen wird daraus ein Datenpunkt für das Gespräch in der Praxis.
Zum Menopause Check Welche Hormonwerte wann im Zyklus gemessen werden Hormontest für Frauen: Werte und Zeitpunkt im ÜberblickWeiterlesen
Quellen
- Barth u. a.: Sex hormones affect neurotransmitters and shape the adult female brain during hormonal transition periods, Frontiers in Neuroscience (2015) – europepmc.org
- Freeman u. a.: Associations of hormones and menopausal status with depressed mood in women with no history of depression, Archives of General Psychiatry (2006) – europepmc.org
- IQWiG: Depression, gesundheitsinformation.de (Stand 2023) – gesundheitsinformation.de
- IQWiG: Wechseljahrsbeschwerden, gesundheitsinformation.de (Stand 2023) – gesundheitsinformation.de
Die Aussagen zu Botenstoffen und Hirnregionen stützen sich auf [1], die Zahlen zum Übergang in die Menopause auf [2]. Hauptsymptome und Anlaufstellen stammen aus [3], die Angaben zu den Wechseljahren aus [4]. Die Studien von Schmidt u. a. (New England Journal of Medicine, 1998) und Gordon u. a. (Menopause, 2016) sind im Text mit Autor und Jahr genannt. Die Angaben zum Menopause Check entsprechen dem Stand vom 29.09.2026; die Quellen wurden im September 2026 geprüft.
mybody®x Redaktions- & Fachteam
Hormone Psyche
Diesen Artikel hat das mybody®x Redaktions- & Fachteam recherchiert und geschrieben. Jede Zahl steht mit Quelle und Jahr im Text; mehr über das Team steht auf der Autorenseite.
Veröffentlicht am 29.09.2026 · Zuletzt aktualisiert am 29.09.2026
Die Inhalte dienen der allgemeinen Information und ersetzen keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Referenzbereiche sind labor-, methoden- und altersabhängig – maßgeblich sind immer die Angaben auf deinem Befund.
Unsere Produkte sind nicht dazu bestimmt, Krankheiten zu diagnostizieren, zu behandeln, zu heilen oder zu verhindern.
Die Bilder in diesem Artikel sind mit KI erstellt, die abgebildeten Personen sind nicht real.






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